Vor einiger Zeit hatte ich schon mal einen kleinen Instapost zu dem Thema gemacht, bei dem es um den Satz ging „Dann konzentrierst du dich also auf die Karriere“. Den bekommst du als kinderfreier Mensch leider sehr oft zu hören (ich habe mir sagen lassen: leider wohl auch dann, wenn du keine Kinder bekommen kannst …). 

Mir war es ein Anliegen, heute nochmal einen längeren Post dazu zu schreiben, weil mir aufgefallen ist, das ich meinen Unmut darüber noch nicht in allen Facetten zum Ausdruck gebracht habe. 

Worum geht es also?

Immer wieder höre ich selbst oder auch über andere kinderfreie Menschen Sätze aus der Kategorie „Die Person hat ja keine Kinder, also [engagiert sie sich ehrenamtlich/macht sie Karriere/hat sie viele Katzen/schreibt sie einen Blog].“

Mir sind solche Äußerungen ganz lange gar nicht bewusst negativ aufgefallen. Ich habe nur gemerkt, dass ich immer ein leichtes „Unwohlsein“ gefühlt habe, wenn ich jemanden so einen Satz sagen hörte. Eine Art kleinen inneren Widerstand, garniert mit einem Hauch Wut und Unverständnis, dem ich aber nicht weiter Beachtung geschenkt habe. 

Irgendwann habe ich für mich erkannt: Dieser Satz ist nicht richtig bzw. gilt er für viele Menschen, die keine Kinder möchten einfach nicht. Denn Kinder werden damit automatisch als „Alternative“ zu allen anderen Dingen dargestellt. Und je länger darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, was mich daran so stört:

Damit etwas wirklich eine Alternative sein kann, muss ich es zumindest mal ernsthaft in Erwägung gezogen haben

Das gilt eben einfach für viele kinderfreie Menschen oder eben (schon lange) nicht mehr. Vielleicht mal ein kleine Analogie aus dem Bereich „Berufsfindung“. Nehmen wir folgenden Satz:

Meine Freundin Annabel ist nicht Anwältin geworden, sondern ist stattdessen jetzt Tierärztin.

Dieser Satz ist sicherlich richtig, wenn die gute Annabel ernsthaft nach dem Abitur vor der Entscheidung stand, ob sie denn jetzt nun lieber Anwältin oder Tierärztin werden möchte. Wenn sie beide Möglichkeiten ernsthaft für sich in Erwägung gezogen hat und nach einer Phase des Abwägens entschieden hat, dass sie lieber Veterinärmedizin als Jura studieren möchte. 

Was aber, wenn Annabel überhaupt nie Anwältin werden wollte? Dann wäre dieser Satz ziemlich sinnlos. Trotzdem gibt es Menschen, die zu kinderfreien Menschen Sätze sagen wie: 

Du willst keine Kinder, dann kannst du dich ja stattdessen auf deine Karriere konzentrieren.

Du willst keine Kinder, aber es ist super, dass du dich stattdessen ehrenamtlich engagierst.

Statt Kindern gibt es ja auch viele andere Dinge, die deinem Leben einen Sinn geben können. 

Das wäre ungefähr so, als wenn jemand zu mir sagen würde:

Du machst ja keinen Kampfsport, aber es ist total super, dass du stattdessen jeden Morgen Yoga machst, um dich fit zu halten.

Ja, ich mache keinen Kampfsport. Aber das will ich auch nicht. Also ist das auch keine Alternative zu Yoga. Stattdessen könnte jeden Morgen auch schwimmen gehen – das wäre eine Alternative, weil ich das auch gut finde. Ich habe mich aber für Yoga entschieden, weil ich das im Schlafanzug machen kann und dabei Kaffee trinken 😉

Was genau finde ich daran so „schräg“?

In meinen Augen sind hier direkt mehrere Aspekte „schräg“ im Sinne von schief argumentiert, nicht logisch oder schlichtweg unverschämt:

Es wird immer noch vorausgesetzt, dass Kinder für jede/n eine Alternative zu anderen Dingen sind.

Dafür müssen sie aber zumindest mal eine ersthafte Option gewesen sein. Sicherlich gibt es Menschen, die sich schlussendlich gegen Kinder entscheiden (warum auch immer) und diese Entscheidung ebenfalls vorher abgewogen haben. Für die Kinder durchaus eine Möglichkeit waren, die sich aber dagegen entschieden haben. Allerdings ist das auch oft schon länger her, ergo gerade auch nichts mehr, dass diese Menschen ernsthaft noch als Alternative bezeichnen würden. Ich meine – ich wollte auch Tierärztin werden, als ich klein war und das wäre auch irgendwie möglich gewesen.

Ich habe mich aber dagegen entschieden als ich ungefähr 12 war. Deshalb würde ich jetzt trotzdem nicht von mir behaupten, dass mein bisheriger Werdegang die Alternative zur Laufbahn als Tierärztin war. Genauso wie ich nicht behaupten würde, dass ich jemals ernsthaft über Kinder nachgedacht habe, auch wenn meine finale bzw. „öffentliche“ Entscheidung dagegen erst mit ca. 30 gefallen ist. Ich wusste eigentlich schon immer, dass das nicht wirklich eine Option ist. 

Es erhebt Kinder immer noch zum „Goldstandard“ und es schwingt für mein Empfinden auch oft ein bisschen die „Trostpreis-Attitüde“ mit, wenn jemand so etwas sagt.

Das ist direkt aus mehreren Gründen nicht ok, wie ich finde: 

Es würdigt alles andere, was Menschen „stattdessen“ tun, automatisch herab. Dabei sind doch großes Engagement, persönliche Entwicklung, Karriere oder einfach große Leidenschaft für ein Thema oder für Haustiere komplett gleichwertig. Jede/r entscheidet selbst, was sie oder ihn glücklich macht oder sollte dafür gefeiert werden, diesen Weg dann auch zu gehen.

Das kann insbesondere auch sehr verletzend sein für diejenigen Menschen, denen die Entscheidung gegen ein Kind vielleicht auch sehr schwer gefallen ist (soll ja Menschen geben, die diese Entscheidung z. B. aufgrund von Erbkrankheiten oder der allgemeinen Weltlage treffen). Von den Menschen, die keine Kinder bekommen können und sich diese Sprüche trotzdem anhören müssen, will ich gar nicht ernst anfangen. 

Es stellt Dinge konträr gegenüber, die oft überhaupt nichts miteinander zu tun haben bzw. nicht wirklich Optionen sind, die einander ausschließen.

Für das Beispiel der Berufsfindung mag es sich tatsächlich um sich ausschließende Entscheidungen handeln, da es doch recht schwer sein dürfte, gleichzeitig Jura und Tiermedizin zu studieren . Aber für sehr viele Aussagen, die du dir als kinderfreier Mensch anhören musst, gilt: Es suggeriert, dass all diese Dinge MIT Kindern nicht möglich sind. Genauso, wie ich (theoretisch und wenn ich wollte) sowohl Kampfsport als auch Yoga machen könnte, gibt es viele Menschen mit Kindern, die beruflich erfolgreich sind, sich ehrenamtlich engagieren, ein Instrument spielen etc. Sicher unterscheiden sich (zeitliche) Kapazität und (leider gerade im Bereich „Beruf“) gesellschaftliche Hürden – aber ganz grundsätzlich ist doch jeder Mensch in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu verfolgen. Wir entscheiden nur einfach selbst, welche Dinge das sind.

Was ich mir „stattdessen“ wünsche

Das Bewusstsein dafür, dass es Menschen gibt, für die ein Kind nie eine Option war und dass sich das auch in der Kommunikation widerspiegelt.

Ja, auch ich tue ich Dinge alternativ zu anderen Dingen: Ich schreibe einen Blog, statt ein Musikinstrument zu lernen. Ich engagiere mich ehrenamtlich, statt eine neue Sprache zu lernen. Ich schaue lieber entspannt Netflix, statt jede Woche mein Brot selbst zu backen oder mich um meine Balkonbegrünung zu kümmern. Ich tue nicht eine einzige Sache davon, statt Kinder großzuziehen. Was ist so schwer an einem „Ich finde es toll, was du machst!“ (ohne den Verweis darauf, dass ich das „statt“ etwas tue. Das heißt also auch: 

Weniger Rumreiten auf den Dingen, die wir NICHT tun, aber ja theoretisch tun könnten oder hätten tun können.

Ganz ehrlich? Wir entscheiden uns FÜR das, was wir machen möchten. Es gibt TAUSENDE Alternativen zu jeder Handlung, die wir jeden Tag machen. Wen interessiert das denn? Was zählt ist, was wir TUN und wie für uns damit FÜHLEN. Dass wir das mit Leidenschaft und Überzeugung tun. Und sonst nix. 

Mehr Fokus auf und Begeisterung für den coolen Shit den wir alle – egal ob nun mit oder ohne Kinder – jeden Tag machen und erleben.

Für den Beitrag, den wir alle – unabhängig vom Lebensmodell – jeden Tag leisten. Für andere, für uns, für die Welt. Whatever. Vielleicht können wir einfach mal anerkennen, dass jeder seinen Beitrag leistet – egal wie groß oder klein. Einfach so. Nicht als Alternative zu irgendwas. Sondern um glücklich zu sein. 

Ende der Durchsage.