Ein Thema, von dem ich weiß, dass es viele von euch bewegt: Wie gehe ich damit um, dass ich meine Eltern, Schwiegereltern etc. dadurch enttäusche, dass ich keine Kinder möchte? In diesem Artikel gebe ich dir einige Denkanstöße mit, die dir helfen sollen, mit Vorwürfen seitens der Familie umzugehen – aber auch damit, dir selbst keine Vorwürfe zu machen. 

Wer sich entscheidet, keine Kinder zu bekommen, der teilt diese Entscheidung irgendwann vielleicht auch der Familie mit. Wenn du das schon gemacht hast, dann erkennst du vermutlich eine der folgenden Reaktionen darauf wieder:

  1. Die Familie ist enttäuscht und möchte dich überzeugen, deine Meinung zu ändern  (“Wir wollten doch so gerne Enkel!”)
  2. Deine Familie akzeptiert deine Entscheidung (“Mach das so, wie du glücklich bist.”)
  3. Deine Familie kommentiert deine Entscheidung gar nicht weiter.

In Fall 1 ist ziemlich offensichtlich, dass deine Familie ein Problem mit deiner Entscheidung hat und das auch deutlich macht. Aber auch in den anderen beiden Fällen – die ich als die positivere Reaktion werten würde – kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass deine Familie enttäuscht ist. Vielleicht, weil du weißt, dass sie sich Enkel gewünscht hätten oder weil du das Gefühl hast, dass das so ist. 

Wie gehst du damit um, wenn deine Familie ihre Enttäuschung entweder offen zeigt oder du zumindest das Gefühl hast, dass sie enttäuscht sind?

1) Mache dir bewusst: Nicht deine Entscheidung verursacht die Enttäuschung, sondern die Erwartungen, die deine Familie an dich hat.

Wenn du eine enttäuschte Reaktion bekommst (oder davon ausgehst, dass die Familie enttäuscht ist), mach dir direkt bewusst: Es liegt nicht an dir. Deine Eltern, Schwiegereltern und Co. haben vermutlich über Jahre eine Vorstellung davon kultiviert, wie sie später mit einer großen Familie mit vielen Enkeln und Co. gesegnet werden. 

Daran ist erstmal überhaupt nichts verwerflich – das ist einfach ein Zukunftsbild, das deine Familie entworfen hat.

Der Denkfehler bei der Sache: Sie haben damit ein Bild ihrer Zukunft gezeichnet, dass sich  nicht etwa erfüllt, wenn SIE SELBST etwas dafür tun – sondern wenn DU etwas dafür tust.

Bewusst oder (vermutlich eher) unbewusst hat deine Familie dich damit in die Position gedrängt, für die Erfüllung ihrer Lebensvision verantwortlich zu sein. Was sie dabei vergessen haben: Zum einen hängt die Erfüllung des Traums von biologischen Faktoren ab (du musst Kinder bekommen bzw. zeugen können). Zum anderen hängt es aber davon ab, wie DU dich entscheidest und ob du das überhaupt willst. 

Merke: Nicht du hast die Enttäuschung erzeugt, sondern deine Familie – und zwar durch ihre eigenen Erwartungen.

Gerade, wenn deine Familie dir deshalb Vorwürfe macht, ist es verlockend, ihnen genau das um die Ohren zu hauen. “Ich bin nicht eure Erfüllungsgehilfin, also legt euch gehackt!” Kannst du machen – ich empfehle aber erstmal folgendes:

2) Habe Verständnis für die ersten Reaktionen und die Enttäuschung deiner Familie

Manchmal hilft es, ein bisschen in die andere Perspektive hinein zu fühlen:

  • Sehr wahrscheinlich steht hinter der Enttäuschung keine böse Absicht – deine Familie erkennt gerade, dass eine sicher geglaubte Zukunftsvision nicht wahr wird und dass sie nichts dagegen tun können. Das kann weh tun und es dauert vielleicht ein bisschen, bis sie das akzeptieren können. 
  • So “unverschämt” es vielleicht rüberkommt, wenn sie dich vom Gegenteil überzeugen wollen oder deine Entscheidung in Frage stellen: Unter Umständen ist das nur ein verzweifelter Versuch, die eigene Lebensvision nicht loslassen zu müssen.
  • Je nach dem, welcher Generation deine Eltern angehören kann es zudem sein, dass sie komplett anders sozialisiert wurden. Noch vor ein paar Jahren war es komplett normal, dass Menschen einfach Kinder bekommen haben – egal ob sie wollten oder nicht. Dass da jemand plötzlich etwas in Frage stellt, was für sie immer völlig normal war, kann auch Widerstand auslösen.
  • Vielleicht steckt im Kern auch etwas anderes dahinter. Je nach dem, wie das Verhältnis zu deiner Familie ist, kannst du auch einfach fragen, wieso ihnen Enkel so wichtig sind. Was sie sich davon versprechen? Mehr Zeit mit dir, vielleicht? Eine Aufgabe im Alter? Das alles sind Dinge, für die nicht zwingend Enkel erforderlich sind – vielleicht ist ihnen das nur einfach noch nicht klar.

Versteh mich nicht falsch: Ich möchte deine Familie nicht in Schutz nehmen – gerade wenn sie vielleicht sehr übergriffig und wenig verständnisvoll reagiert. Aber ich will dir einen Anhaltspunkt dafür geben, woher diese Enttäuschung kommen kann und die Perspektive für die andere Seite öffnen. Auch das kann helfen, eventuelle gezeigte Enttäuschung nicht persönlich zu nehmen und den Grund dafür nicht bei dir zu suchen. Und dir bewusst zu machen: Manchmal braucht die andere Seite ein bisschen Zeit, sich mit einer Situation abzufinden – die erste Reaktion einer Person ist nicht immer eine Vorschau dafür, wie sie von jetzt für immer mit dem Thema umgehen wird.

3) Lass dich nicht emotional erpressen und suche die Verantwortung nicht bei dir

Es ist hoffentlich deutlich geworden, was ich dir sagen möchte: Deine Entscheidung ist nicht dafür verantwortlich, dass deine Familie enttäuscht ist. Die Erwartungen, die deine Familie hatte sind es. 

Mache dir folgende Dinge bewusst:

  • Es ist nicht deine Aufgabe, deine Eltern oder andere Familienangehörige glücklich zu machen. Deine Eltern und Co. sind erwachsene Menschen, die für ihr eigenes Glück verantwortlich sind. Wenn wir unser Glück von den Entscheidungen anderer Menschen abhängig machen, ist das nie eine gute Strategie – egal, um was es geht.
  • Du schuldest deinen Eltern keine Enkel. Lass dir nichts anderes einreden. Es ist dein Leben und deine Entscheidung. 
  • Wenn keine Einsicht von Seiten deiner Familie da ist, dann ist es völlig legitim, auf den vorherigen Punkt hinzuweisen. 
  • Ja, es ist deine Familie. Aber: Wenn du wieder und wieder mit dem Thema konfrontiert wirst und darunter leidest, dass dir jemand dauernd ein schlechtes Gewissen machen will, dann darfst du Konsequenzen ziehen. Du kannst deutlich machen, wie du dich damit fühlst und den Kontakt reduzieren oder vielleicht sogar ganz abbrechen. Auch das ist deine Entscheidung.

Welche Erfahrungen hast du mit den Reaktionen deines Umfeldes – speziell deiner Familie gemacht? Welchen Umgang hast du für dich damit gefunden?