Vor einiger Zeit habe ich bei Instagram einen englischsprachigen Post bzw. Artikel eines Blogs mit euch geteilt. In dem Post ging es um das Thema, ob Menschen ohne Kinder denen mit Kindern gegenüber im Arbeitsleben benachteiligt sind – weil sie zum Beispiel mehr auffangen müssen oder erwartet, wird, dass sie bei der Urlaubsplanung zurückstecken.

Das Thema hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, weshalb ich euch bei Instagram nach euren Meinungen und Erfahrungen zum Thema gefragt habe. Offenbar ging es euch ähnlich, denn es haben mich super viele Nachrichten zu dem Thema erreicht (DANKE!).

Vorab: Mir ist klar, dass das ein ganz schön kontroverses Thema ist. Trotzdem war mir wichtig, darüber zu schreiben und die Perspektive der kinderfreien Menschen sichtbar zu machen.

Wenn ihr mir schon länger folgt wisst ihr, dass es mir sehr wichtig ist, kein „Eltern-Bashing“ zu betreiben (nach dem Motto „alle, die Kinder kriegen, sind eh Idioten“). Solche Accounts gibt es, ich habe aber immer die Meinung vertreten: Ich kann nicht selbst einfordern, dass Leute respektieren, dass ich kinderfrei leben will und andere gleichzeitig dafür kritisieren, beschämen oder beschimpfen, dass sie Kinder haben. Kann man auch anders sehen und halten, aber das ist meine Meinung.

Um also jeglichem „Whataboutism“ direkt vorzubeugen: Es geht mir nicht darum zu sagen, dass Kinderfreie es im Job schwerer haben als Eltern. Ich finde es jedoch wahnsinnig wichtig, auch die (durchaus unterschiedlichen) Perspektiven kinderfreier Menschen auf dieses Thema aufzuzeigen. Ich glaube, viele kinderfreie Menschen haben Angst, genau diese Themen im Job anzusprechen. Weil sie Bedenken haben, dass das nicht gut ankommt, dass sie (mal wieder) als egoistisch abgestempelt werden oder ihnen vorgeworfen wird, auf hohem Niveau zu jammern. Womit ich wieder beim Thema „Respekt für alle Lebensmodelle“ bin, was mir so wichtig ist.

Natürlich hat mich auch eure Meinung zu dem Thema interessiert …

Ich habe euch gefragt, ob ihr selbst das Gefühl habt, im Job mehr auffangen zu müssen und ob ihr das Gefühl habt, bei Urlaubsplanung und Co. häufiger zurückstecken zu müssen als Menschen mit Kindern. Das hier waren eure Antworten:

Dann habe ich euch gebeten, mir doch mal zu schildern, wie ihr das eigentlich in euren jeweiligen Jobs so erlebt und wie ihr dem Thema gegenübersteht. Was soll ich sagen? Mein Postfach ist leicht explodiert. Ich musste mich leider entscheiden, nicht alle Kommentare zu posten. Aus Gründen der Komplexität und weil das hier keine Doktor*innenarbeit ist 😉 Allerdings hab ich mir Mühe gegeben, einen möglichst breiten und repräsentativen Querschnitt an Berichten und Perspektiven auszuwählen – in der Hoffnung, dass sich alle wiederfinden, die mir was geschrieben haben.

Wie ihr seht, sind die Erfahrungen und Perspektiven darauf unterschiedlich und wie ja auch schon die Zahlen zeigen, hat auch die Hälfte der Teilnehmer*innen eher nicht das Gefühl, mehr machen zu müssen – sicher kommt kommt es dabei aber auch ganz stark auf den Job an, die Gegebenheiten, Unternehmenskultur und ob man überhaupt mit Menschen arbeitet, die Kinder haben. Zusammenfassend würde ich sagen: Es gibt einiges an Verständnis, einige von euch empfinden gar keine Benachteiligung (yeah!), der Großteil nur manchmal und das ist doch großartig. Aber: da ist eben auch einiges an (aus meiner Sicht) berechtigtem Frustpotenzial.

Was ist denn nun eigentlich meine eigene Meinung zu dem Thema?

Ich hatte mich mit dem Thema tatsächlich nicht so viel befasst bevor ich den Artikel gelesen habe – auch, weil ich selbst eher zu denen gehöre, die sich kaum benachteiligt gefühlt haben. Ich selbst bin eh immer lieber im Frühling oder Herbst in den Urlaub gefahren und habe schon immer gerne freiwillig zwischen den Feiertagen und auch an Brückentagen gearbeitet. Was ich mich aber manchmal gefragt habe: Warum scheint es nach wie vor nur dann wirklich legitim zu sein, in Teilzeit zu gehen, wenn man Kinder bekommen hat? Warum sollen Menschen, die in Teilzeit gehen möchten, immer erklären, warum sie das wollen und womöglich dann auch noch dafür kämpfen?

Nachdem ich eine Weile drüber nachgedacht und mich mit einigen von euch auch länger dazu ausgetauscht habe, ist mir erst klar geworden, wie komplex das Thema ist und was eigentlich alles so dran hängt. Deshalb hab ich auch so lange gebraucht, diesen Post zu schreiben 😉 Ich bin für mich bisher zu folgenden Schlüssen gekommen und bin gespannt, wie ihr das seht:

  • Egal, ob jemand ein Kind bekommt, sich nebenberuflich selbstständig macht und nebenher noch Handballprofi ist – es ist toll, wenn Kolleg*innen mal einspringen, wenn diese Dinge mal mit dem Job kollidieren. Sicher tun die meisten das ab und zu sogar gerne und ohne zu meckern. Es ist aber keine Selbstverständlichkeit, dass andere permanent die beruflichen Konsequenzen der wie auch immer gearteten Selbstverwirklichung ihrer Kolleg*innen ausbaden (ja, mit Selbstverwirklichung meine ich auch Kinder). Und wenn sie das tun, dann haben sie dafür maximale Dankbarkeit verdient. Und ich finde auch, dass dieses „Einspringen“ in keinem der o.g. Fälle die Regel sein sollte.
  • Die Annahme, dass kinderfreie Menschen mehr Zeit haben oder grundsätzlich flexibler sind, finde ich anmaßend. Jeder hat ein Leben mit Dingen, die ihm oder ihr wichtig sind. Davon auszugehen, dass ich Termine schneller absagen kann, nur weil ich keine Kinder habe, ist einfach falsch. Vielleicht bin ich flexibler, aber auch auf mein Privatleben hat es Auswirkungen, wenn ich meinen Freunden dauernd absagen muss, weil ich Überstunde machen soll oder einem Hobby nicht mehr nachgehen kann, weil immer der Depp bin, der auf Geschäftsreise muss. Darüber hinaus kann es auch immer sein, dass ein kinderfreier Mensch z. B. einen Angehörigen pflegt, sich um eine kranke Freundin kümmert, gerade in Therapie ist oder sonstige Herausforderungen zu meistern hat, die diese Person aber einfach nicht so gerne öffentlich machen möchte.
  • Trotzdem liegt es an jedem selbst, genau diese Grenzen zu setzen und deutlich zu machen, wenn Erwartungen an einen gestellt werden, die man nicht erfüllen kann oder will. Mehrere von euch haben das auch genauso geschrieben und gesagt, dass sie damit gute Erfahrungen gemacht haben. Wie in vielen Dingen im Leben gilt: Sprechenden Menschen kann geholfen werden. Wer nicht sagt, was ihn frustriert, der bekommt vielleicht auch gar nicht mit, dass die Kolleg*innen oder Vorgesetzten dann doch mehr Verständnis aufbringen als vorher gedacht. 
  • Neben alldem sind meiner Meinung nach auch Unternehmen gefragt, sich Arbeitskonzepte zu überlegen, die mehr der Realität ihrer Mitarbeitenden entsprechen. Mir ist dazu eingefallen, dass meine Mutter schon Mitte der 80er über Jahre in einem solchen Konzept gearbeitet hat. Sie hat sich nach der Geburt der Kinder eine Stelle mit einer Kollegin geteilt, die auch Mutter war. Dieses Konzept nennt sich „Jobsharing“. Meine Mutter hat wochenweise abwechselnd morgens oder nachmittags gearbeitet. Mittags hat sie eine kurze Übergabe mit der Kollegin gemacht. Wenn meine Mutter Urlaub hatte, hat ihre Kollegin Vollzeit gearbeitet und umgekehrt. Niemand anderes musste einspringen oder etwas auffangen. Hier haben sich zwei Menschen einen Job geteilt, die die gleiche Lebensrealität hatten und entsprechend hohe Empathie für die jeweils andere. Geht nicht in allen Berufen, ginge aber vermutlich in deutlich mehr Jobs als es heute gelebt wird. Nur mal so als eine Idee; ich bin ja eine Freundin von „Vorschläge machen, statt nur zu meckern“.
  • Und nicht zuletzt gibt es noch ne Menge Arbeit zu tun, was Rollenmodelle und Respekt von unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsmodellen angeht. Solange Väter von ihren Kumpels gedisst werden, weil sie in Elternzeit gehen, während die Frau Vollzeit arbeitet, haben wir ein Problem. Solange gerade Mütter (auch von anderen Müttern) dafür angefeindet werden, Vollzeit oder überhaupt zu arbeiten, haben wir ein Problem. Solange Menschen, die keine Kinder möchten, als „karrieregeil“ bezeichnet werden, dauernd einspringen sollen und sich zum Dank anhören dürfen, dass sie irgendwann voller Reue einsam im Altersheim verrecken werden, haben wir ein Problem!

Wir sind alle gefragt, offen miteinander zu reden. Wer sich benachteiligt oder überfordert fühlt, sollte das auch ansprechen dürfen.

Wie schon gesagt, hätte ich gar nicht gedacht, dass mir so viel zu diesen einfällt und ich möchte allen danken, die bis hier her gelesen haben! 🙂 Es hängt einfach sehr viel dran und trotzdem war es mir sehr wichtig, das einmal ein bisschen aufzudröseln – eure zahlreichen Erfahrungsberichte und Kommentare haben mir dabei sehr geholfen und ich hoffe, jede/r von euch, der mir was dazu geschrieben hat, finden sich an der ein oder anderen Stelle in diesem Beitrag wieder.

Wie seht ihr dieses Thema und welche Erfahrungen habt ihr gemacht?