„Du musst auch mal deine Komfortzone verlassen!“ Diesen Satz hast du bestimmt auch schon mal gehört. Meistens dann, wenn es darum geht, eine große Veränderung anzugehen (z. B. in eine andere Stadt umziehen), etwas ganz großes Neues zu wagen (z. B. neuen Job anfangen, vor vielen Menschen eine Rede halten) oder etwas zu „leisten“, was viel Disziplin erfordert (z. B. für einen Marathon trainieren).

Was diese Dinge alle gemeinsam haben: Es sind alles irgendwie „große Sachen“. Langfristige Veränderungen, die Vorbereitung brauchen. Sachen, für denen wir von anderen gefeiert werden – für unsere Mut, unser Durchhaltevermögen, unsere Disziplin. 

Das bedeutet umgekehrt dann wohl:  So lange wir nicht sowas Krasses machen, haben wir gar keine Chance, uns für das Verlassen unserer Komfortzone zu feiern. Oder?

Hast du dich mal gefragt, ob deine Komfortzone vielleicht viel größer ist, als es von außen den Anschein erweckt?

Mir selbst ist das vor einiger Zeit in einer ganz banalen Situation klar geworden. Ich war in der Drogerie und stand schon an der Kasse. Die Kassiererin zog meine Sachen übers Band, nannte mir den Gesamtpreis und genau in diesem Moment fiel mir ein: „Verdammt, ich wollte doch noch Haferflocken mitnehmen!“ Denn die waren wirklich alle und da ich jeden Morgen Haferbrei esse, war das tatsächlich dringend. Ich stand also an der Kasse, hinter mir schon drei Leute, die auch bezahlen wollten.

Ich sage dir jetzt mal, was ich normalerweise gemacht hätte: Nichts. Ich hätte bezahlt. Und dann wäre ich entweder ins Reformhaus gegenüber oder in den Supermarkt gegangen, um dort die Haferflocken zu kaufen. Ich hätte also einen weitaus höheren Preis (Reformhaus) oder einen großen Umweg (Supermarkt) in Kauf genommen, statt einfach zu sagen: „Oh, entschuldigen Sie, ich hab noch was vergessen, ich hole das mal schnell!“ Warum? Weil ich den Betrieb nicht aufhalten wollte. Weil ich Angst hatte vor der Reaktion der anderen Menschen.  Und ich gebe zu, dass ich in genau solchen Situationen schon mehrfach war und es dann wirklich IMMER so gemacht habe, wie gerade beschrieben. Bezahlt. Rausgegangen. Und das vergessene Produkt woanders gekauft, auch wenn immer mit höherem Aufwand verbunden war. 

Neulich aber, als ich wieder in der Situation war, wurde mir plötzlich schlagartig bewusst, was du beim Lesen gerade garantiert auch gedacht hast: Wie bescheuert das eigentlich ist. Und dann folgte die Erkenntnis, dass sich hier gerade eine Chance bietet, mich selber so richtig stolz auf mich zu machen. Ich habe also (und das musste ich wirklich) meinen ganzen Mut zusammengenommen und gesagt „Oh nein, ich wollte ich noch Haferflocken haben. Ich hole die nochmal ganz schnell, ich weiß auch genau, wo die stehen!“ Dann hab ich die anderen Leute in der Schlange kurz entschuldigend angelächelt, bin losgeflitzt und war nach 15 Sekunden wieder da. 

Und was soll ich sagen: Es hat natürlich niemand komisch reagiert. Keiner hat mit den Augen gerollt. Und ich bin auch nicht vor Scham im Boden versunken. Aber: Ich hatte meine Haferflocken. Und ich war so stolz auf mich, als hätte ich gerade einen TED Talk vor 500 Leuten gehalten. Einfach nur, weil ich mich mal anders verhalten hatte als normalerweise.

Ich habe daraus gelernt: Ich kann viel häufiger im Alltag meine Komfortzone verlassen. Ohne, dass ich dafür total krasse Dinge veranstalten muss. Dafür kriege dann auch auch „nur“ Applaus von mir selber, aber der ist oft mehr Wert als Applaus von außen.

Oftmals ist uns nämlich bewusst, in wie vielen Situationen wir uns innerhalb der Comfortzone befinden, weil es sich einfach um Verhaltensweisen handelt, die wir völlig automatisch abspulen, ohne sie zu hinterfragen. 

Wie du an meinem Beispiel siehst, kann es für jeden total unterschiedlich sein, welche Situationen sich eignen. Vermutlich haben viele von euch beim Lesen meiner Geschichte gedacht „Wo ist denn da bitte das Problem?“ Einfach, weil das für euch eine komplett normale Situation ist und ihr damit gar kein Problem gehabt hättet. Wie findet ihr also raus, was euer persönlicher „Haferflocken-Moment“ ist?

Hier sind drei Fragen, die ihr euch stellen könnt, das herauszufinden:

1. Gibt es in deinem Alltag Situationen, in denen du im Nachhinein denkst: „Das war jetzt irgendwie bescheuert, wie ich mich da verhalten habe…“?

Frage dich dann, ob du häufiger in dieser Situation oder einer ähnlichen bist (so wie ich mit meinem „Kassenbeispiel“). Wenn ja: Überleg dir am besten vorher, wie du dich beim nächsten Mal verhalten willst und probier es einfach mal aus.

2. Siehst du manchmal Menschen in Alltagssituationen, beobachtest deren Verhalten und denkst dir „Wow, so selbstbewusst wäre ich auch gerne“ oder „So würde ich auch manchmal gerne reagieren/mit anderen interagieren?“

Das kann zum Beispiel ein guter Freund sein, der in jeder Situation mit anderen Menschen einen kurzen „Smalltalk“ startet – egal über was. Oder jemand, der in der Öffentlichkeit für eine andere Person Partei ergreift, wenn er oder sie schlecht behandelt wird. Auch hier bietet sich dann vielleicht die Gelegenheit, dich beim nächsten Mal selbst in diesem Verhalten zu „üben“.

3. Gibt es bestimmte Routinen in deinem Alltag, bei denen du denkst „Das könnte ich auch lassen“ oder „Ich verbringe damit eigentlich zu viel Zeit?“

Das kann z. B. sowas sein wie „morgens zuerst aufs Handy gucken direkt nach dem Aufstehen“ oder „jeden Abend Schokolade essen vor dem Fernseher“. Routinen, an denen du einfach irgendwie festhältst, obwohl du merkst, dass es nicht immer gut für dich ist? Auch hier ist Potenzial für eine kleine Alltagsheldentat: Ersetze diese Routine doch einfach heute mal durch etwas anderes und schau, wie sich das anfühlt. Und wenn es dir gefällt, dann machst du es vielleicht morgen direkt nochmal.

Aus Erfahrung kann ich dir sagen: Es lohnt sich total, die Grenzen der eigenen Comfortzone mal wirklich ganz ehrlich zu erkunden und sie im Alltag hier und da immer mal wieder zu überwinden. Du bekommst dafür keine Medaille, keine Likes bei Facebook und auch keine 5 EUR von Oma – aber ganz sicher ne ganze Menge Anerkennung von dir selber. Und das fühlt sich großartig an.

Verrate mir doch gerne: Wo möchtest du deine Comfortzone überwinden? Oder wo hast du es vielleicht das letzte Mal im Alltag getan?