Die Frage stelle ich mir schon relativ lange und nochmal mehr, seit ich sicher weiß, dass ich keine Kinder möchte. Was genau ist das eigentlich? Familie?

Wenn du Wikipedia fragst, dann steht da Folgendes:

Familie (von lateinisch familia „Gesinde“, „Gesamtheit der Dienerschaft“, einer Kollektivbildung von famulus „Diener“) bezeichnet soziologisch eine durch Partnerschaft, Heirat, Lebenspartnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete  Lebensgemeinschaft, meist aus Eltern oder Erziehungsberechtigten sowie Kindern bestehend, gelegentlich durch weitere, mitunter auch im selben Haushalt lebende Verwandte oder Lebensgefährten erweitert. Die Familie beruht im Wesentlichen auf Verwandtschaftsbeziehungen.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Familie; abgerufen am 20.10.2021

Da ist also von Verwandtschaft die Rede, von Kindern und „Abstammung“. Soweit die soziologische Definition – aber was heißt das für Menschen wie mich, die nicht beabsichtigen, Kinder in die Welt zu setzen und auch skeptisch sind, wenn es darum geht, Menschen in den selben Haushalt aufzunehmen?

Passt der traditionelle Familienbegriff noch in die Zeit?

Das habe ich mich insbesondere im letzten Jahr an Weihnachten gefragt. Ihr erinnert euch: Pandemie, extrem hohe Fallzahlen und der Appel von Politik und RKI, Weihnachten doch bitte einfach mit dem Allerwertesten zu Hause zu bleiben. Erlaubt waren lediglich treffen mit maximal 5 Leuten aus der Familie. Womit – und auch das wurde nochmal spezifiziert – in erster Linie „Verwandte“ gemeint waren.

Für mich bedeutete das Weihnachten 2020: Während während der Pandemie 200 km im Zug zu meiner Familie fahren und meine Risikogruppen-Verwandtschaft der Gefahr einer Infektion aussetzen? Kein Problem! In Hamburg bleiben und mit einer Freundin feiern, die ebenfalls drauf verzichten wollte, ihre Familie zu gefährden? Eigentlich nicht erlaubt, weil wir ja nicht verwandt sind.

Mich hat das damals ziemlich wütend gemacht und ich habe mich gefragt: Was soll diese konservative Definition von Familie? Geht das nicht an der Lebensrealität vieler Menschen komplett vorbei? Was ist mit denen, die keine Familie mehr haben? Mit denen, die den Kontakt abgebrochen haben? Mit denen, die Weihnachten einfach lieber mit Menschen feiern möchten, die sie sich ausgesucht haben und nicht mit denen, mit denen sie zufällig einige Gene teilen?

Was Familie für mich bedeutet

Ich habe das damals zum Anlass genommen, nochmal für mich über den Begriff der Familie nachzudenken. Per Definition werde ich vermutlich nie eine „eigene Familie“ haben, denn ich werde keine Kinder bekommen. Und egal was ich mache – es wird immer Menschen geben, die es mir absprechen werden, dass ich eine „Familie“ habe (also abgesehen von der, in die ich geboren wurde), solange ich keine Kinder habe.

Fakt ist aber: Ich habe schon eine Familie und zwar eine ziemlich große. Von Menschen, die mir viel bedeuten und die ich nachts um drei anrufen kann, wenn irgendwas ist. Fakt ist auch: Die Menschen, die am meisten über mich wissen – über meine Wünsche, meine Sorgen und meine Vorstellung vom Leben – die sind zum größten Teil eben nicht mit mir verwandt. Die hab ich mir ausgesucht.

Familie bedeutet also für mich: Dass du Menschen in deinem Leben hast, denen du vertraust und mit denen du dich wohlfühlst. Auf die du dich verlassen kannst und die immer für dich da sind.

Das KANN deine Familie sein im „klassischen Sinne“ sein. Das können aber genauso wirklich gute Freund*innen sein. Dein Partner/deine Partnerin kann deine Familie sein. Deine Haustiere. Oder von allem etwas. Das wichtigste ist in meinen Augen:

Die Gesellschaft sollte so langsam mal anerkennen, dass „Familie“ das ist, was jeder selbst für sich so definiert.

„Und wenn du mal alt bist?“

Auch diese Frage wurde mir schon gestellt, ich habe sie mir selber gestellt und stelle sie mir nach wie vor. Wie will ich denn leben im Alter? Vermutlich so wie viele andere auch: Umgeben von Menschen, die mir viel bedeuten und mit denen ich Spaß haben kann, bis der Rollator rostet.

Dafür brauche ich weder eigene Kinder noch eine Familie im klassischen Sinne. Ich selbst finde alternative Wohnmodelle spannend, von denen es sicher in Zukunft noch mehr geben wird. Oder eine Rentner-WG mit guten Freund*innen. Konkrete Pläne habe ich da nicht, denn ich weiß nicht, wie mein Leben aussieht in 30 oder 40 Jahren. Weder, ob ich dann noch lebe noch wie meine persönliche Situation dann ist.

Das wissen Menschen meines Alters, die gerade eine klassische Familie (Vater, Mutter, Kinder) haben aber auch nicht. Ich kann es nur immer wiederholen:

Es ist ein Trugschluss, sich drauf zu verlassen, dass Kinder einen davor bewahren, im Alter einsam zu sein. Im Gegenteil: Ich glaube, wer sich zu sehr drauf verlässt, dass der Partner/die Partnerin für immer bleibt und die Kinder sich später schon kümmern werden, der wird blind für die vielen wertvollen Kontakte außerhalb der eigenen Kernfamilie. Für die vielen Menschen und Möglichkeiten, die es sonst noch gibt.

Ich selbst bleibe deshalb einfach offen für die Menschen und Möglichkeiten, die mir begegnen und ich bin mir sicher, dass ich genau deshalb auch nicht einsam sein werde – sondern immer eine Familie haben werde, die an meiner Seite ist. Ob das die gleiche „Familie“ ist, die ich heute schon habe, das weiß ich nicht. Vielleicht kommen Menschen dazu und andere verabschieden sich vielleicht zwischendurch. Was ich jedoch sicher weiß: Genau wie jetzt auch wird es immer eine Familie in meinem Leben geben.

Wie definierst du „Familie“ für dich? Wer gehört für dich dazu und wenn du keine Kinder hast oder willst: Wie stellst du dir dein Familienleben im Alter vor?