Heute mal was sehr Persönliches, weil ich glaube, dass es vielleicht einigen da draußen ähnlich geht oder ging. Die große Frage: Stimmt eigentlich irgendwas mit mir nicht, weil ich keine Kinder möchte? Sollte ich das nicht wollen sollen? Ein kleiner persönlicher Erfahrungsbericht dazu, wie und wann ich gemerkt habe, dass ich keine Kinder möchte und was das alles bei mir ausgelöst hat.

Ich selber habe das Kinder-Thema für mich lange eher hypothetisch betrachtet.

Wann wusste ich eigentlich, dass ich keine Kinder möchte? Die Antwort schwankt irgendwo zwischen „schon immer“ und „mit etwa 30“. Ich habe schon als Kind lieber mit meinen Puppen „Krankenhaus“ gespielt und war lieber die Ärztin, als dass ich „Vater, Mutter, Kind“ gespielt hätte. Irgendwie fand ich ersteres spannender und auch inhaltsreicher. 

Als Jugendliche habe ich mir dann mein späteres Leben vorgestellt: Ich wollte gerne nach Hamburg (check), einen spannenden und abwechslungsreichen Job haben (check), eine Wohnung mit Dachterrasse (großer Balkon, halb check ;)), ein rotes Cabriolet (uncheck, halte das aber auch nicht mehr für nötig) und einen Hund (auch noch uncheck). Kinder kamen in dieser Vorstellung nicht vor. 

Trotzdem habe ich die Entscheidung immer weggeschoben oder mehr hypothetisch betrachtet. Ich dachte mir: „Das kommt wahrscheinlich irgendwann, wenn du älter bist, dass du das willst.“ Ich bin wirklich davon ausgegangen, dass sich dieses Gefühl, ein Kind zu wollen, sicher irgendwann einstellen wird. Bei einigen ist das vermutlich sogar so; bei mir kam da aber irgendwie gar nichts.

Wenn ich mit einem Partner über das Thema Kinder gesprochen habe, habe ich das daher nie aktiv ausgeschlossen. Immerhin war ich ja der Meinung, dass das theoretisch noch kommt. Und hypothetische Kinder konnte ich mir vorstellen, so lange ich nicht zu viel darüber nachdachte, was das eigentlich genau bedeuten würde und wie ich eigentlich überhaupt mal leben wollte.

Je älter ich wurde und je drängender die Anspielungen aus dem Umfeld, desto größer wurden meine Zweifel.

Ich bemerkte schon sehr früh, dass sich immer ein Widerstand in mir regte, sobald in einer Beziehung – und wenn es auch nur im Spaß war – das Thema „Kinder“ aufkam. Ich konnte mich einfach nicht in diese Mutterrolle reinfühlen. Mit zunehmendem Alter kamen dann irgendwann auch die Fragen aus dem Umfeld. Die Andeutungen. Die „Wann bekommen wir denn Enkel“-Fragen oder die Fragen frisch gebackener Eltern, nach dem Motto „Wäre das nicht auch was für dich?“ Und ich merkte, dass ich auf diese Fragen immer nur ausweichend antworten konnte. Weil ich mich nicht traute, die eigentliche Antwort auszusprechen, die ich unterbewusst aber schon kannte: Ich möchte das nicht.

Richtig bewusst wurde mir das aber erst mit Anfang 30. Je mehr Freundinnen und Bekannte Kinder bekamen, desto mehr bekam ich auch mit, was das bedeutete. Ich sah diese Kinder und fühlte: Gar nichts. Ich sah meine Freundinnen und dachte mir: Sie scheint echt zufrieden zu sein. Aber so ein Leben will ICH für mich auf gar keinen Fall. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mit einem Kind glücklich zu sein. Ich möchte etwas anderes.

Leider war diese Erkenntnis im ersten Moment alles andere als befreiend, denn ich begann mich zu fragen: Was ist mit mir falsch?

Mit der Erkenntnis, keine Kinder zu wollen, kamen die Zweifel. Und die Verzweiflung. Ich wusste, dass diese Entscheidung Konsequenzen haben würde und ich hatte Angst davor. Ich hatte ein Leben, das bestimmten Bahnen verlief, ich hatte ein hypothetisches Lebensmodell und ich wusste: Es würden sich Dinge ändern, wenn ich dazu stand, dass ich keine Kinder möchte.

Und ich fragte mich die ganze Zeit, was mit mir nicht stimmt. Ich fühlte mich wie ein Computer, auf dem die komplette Hardware vorhanden war (Gebärmutter, Eierstöcke, Brüste) – die „Mutti-Software“ wollte aber einfach nicht laufen. Ich hatte sogar eine kurze Phase, in der ich mir dachte, ich müsste mir nur mehr Mühe geben, damit sich das Gefühl einstellte. Auf dem Weg von und zur Arbeit befasste ich mich also intensiv damit, Babys und Kleinkinder anzustarren und drauf zu warten, dass ich das Ticken meiner biologischen Uhr höre (kein Witz!). Außer teilweise etwas ängstlich-verstörten Blicken der dazugehörigen Mütter oder Väter (verständlicherweise, wenn eine Fremde im Zug minutenlang mit versteinerter Miene dein Kind anglotzt) erntete ich aber gar nichts.

Ich fragte mich, ob irgendwas bei mir schief gelaufen war, dass ich das nicht wollte. War ich dann überhaupt eine richtige Frau? Und überhaupt: Konnte ich das überhaupt irgendwem erzählen? Wie würden meine Freunde reagieren? Meine Familie? Würden die nicht auch alle denken, ich sei irgendwie nicht ganz richtig? Was würde sich alles ändern? Wollte ich das? 

Ich heulte mir also eine ganze Weile die Augen aus dem Kopf. Ich wollte nicht „anders“ sein. Ich wollte mir nicht überlegen müssen, wie mein Leben sich mit dieser Entscheidung verändert. Ich hatte Angst, nicht „normal“ zu sein. Und ich hatte nicht das Gefühl, diese – aus meiner damaligen Sicht – absurden Gedanken mit irgendwem teilen zu können. 

Ich brauchte eine ganze Weile, um zu verstehen: Es ist alles ok. Ich habe eine Wahl. Und diese Wahl ist bei mir anders als bei vielen anderen.

Nach und nach wurde mir langsam klar: Mit mir ist alles komplett in Ordnung. Ich hatte nur lange nicht verstanden, dass mein Weg eben ein anderer sein würde. Dass ich eine Wahl hatte. Und Gründe für meine Entscheidung, die einfach damit zu tun haben, dass ich anders leben will. Mir andere Dinge wichtig sind. Dass ich nur denke, ich sei „irgendwie seltsam“, weil die Gesellschaft immer noch vorgibt, wie ich als Frau zu sein habe. Dass es ja wohl völlig klar ist, dass ich Kinder möchte. Dass ich das aber komplett selbst für mich entscheiden kann, ob das mein Weg ist.

Heute muss ich sagen: Ich bin wahnsinnig froh darüber, dass ich verstanden habe, dass ich eine Wahl habe, bevor es „zu spät“ war. Dass ich mich den Veränderungen gestellt habe, die damit einher gegangen sind, auch wenn das wirklich nicht leicht war. Dass ich nach und nach angefangen habe, offen zu sagen „Ich möchte keine Kinder“ und das mittlerweile sogar im Internet tue und damit hoffentlich anderen helfen kann, denen es ähnlich geht. Ich bin so glücklich mit dieser Entscheidung und auch wenn einige Dinge immer noch unklar für mich sind (Stichwort: Lebensmodell und so), so bin ich jetzt total gespannt darauf, wie mein Leben wohl verlaufen wird. Was ich alles noch Cooles machen werde mit der Freiheit, die ich durch diese Entscheidung und den offenen Umgang damit gewonnen habe.

Was ich daraus gelernt habe und dir mitgeben möchte

  • Es kann sein (muss es aber nicht), dass die Kinderfrage und die schlussendliche Entscheidung dagegen sehr beängstigend ist. Dass viele Fragen aufkommen. Dass du an dir selbst zweifelst. Dass sich Dinge in deinem Leben verändern und dein „Lebensplan“ komplett durcheinander gerät. Es ist ok, sich damit so zu fühlen und du bist damit nicht alleine.
  • Es ist es auf jeden Fall Wert, diesen Weg zu gehen und zu deiner Entscheidung zu stehen. Auch wenn das vielleicht erstmal einen Kampf bedeutet, viele neue Fragen aufwirft und dich verunsichert.
  • Ja, es werden Menschen mit Unverständnis reagieren und dich bekehren wollen – das liegt oft einfach daran (glaube ich), dass sie eben auch noch diesem Weltbild unterliegen, in dem eine Frau unbedingt Kinder bekommen muss. Sie können also manchmal auch nur begrenzt etwas für diese Reaktionen, weil sie einfach noch nicht an dem Punkt sind, an dem sie das für sich erkannt haben und es ist nicht deine Aufgabe, dich für deine Entscheidung in irgendeiner Form zu rechtfertigen!
  • Sehr viele Menschen werden aber wahrscheinlich viel verständnisvoller reagieren als du es dir vorstellen kannst. So war es zumindest bei mir.
  • Vermutlich wird dich aber niemand fragen, wie es DIR mit dieser Entscheidung eigentlich geht. Weil es vordergründig einfach „nur“ nach einer Entscheidung aussieht, etwas bestimmtes nicht zu tun. Wer nicht in der Situation war, der kann oft nicht nachempfinden oder kommt nicht auf die Idee, dass so eine Erkenntnis und Entscheidung auch wirklich große Fragen und Veränderungen aufwerfen kann. Im Äußeren wie im Inneren. Traue dich trotzdem, mit anderen zu reden und ihnen zu erklären, wie es dir gerade geht. Das habe ich damals viel zu wenig gemacht und ich bin sicher, das hätte geholfen.
  • Es gibt mehr Gleichgesinnte als du denkst. Auch wenn du in deinem Freundeskreis oder deiner Familie alleine da stehst mit deiner Entscheidung für ein kinderfreies Leben – es gibt eine Menge Menschen, die genauso entscheiden. Die „childfreebychoice“-Accounts bei Instagram schießen gerade total aus dem Boden, was ich großartig finde, da es zeigt, dass das Thema vielen Menschen wichtig ist. Aber: Diese Menschen findest du nicht nur im Internet. Seit ich offen mit dem Thema umgehe, habe ich einige Freundinnen dazu gewonnen, die ebenfalls keine Kinder haben (wollen oder können) und sich mit sehr ähnlichen Fragen befassen.

Wie ging es dir mit der Entscheidung, kinderfrei zu bleiben? War das für dich immer schon klar oder kam das erst mit der Zeit? Und wie geht oder ging es dir damit? Ich würde mich freuen, von deinem „Weg“ zu erfahren!